Mittwoch, 23. August 2017
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Anti-jüdischer Vorfall an Friedenauer Gemeinschaftsschule

Friedenauer Gemeinschaftsschule

Ein Mitschüler an der Friedenauer Gemeinschaftsschule am Grazer Platz ist von Klassenkameraden verbal und körperlich attackiert worden, nachdem er sich ihnen gegenüber zu seiner jüdischen Herkunft bekannt hatte. Seine Eltern haben den Teenager von der Schule genommen, und sind an die Öffentlichkeit gegangen. Ein Beitrag von Toby Axelrod am 24.März 2017 in THE JEWISH CHRONICLE machte den Vorfall öffentlich. Der Vorfall wird auch in sozialen Medien und politischen Internet-Foren breit diskutiert. Sandra Dassler griff den Vorfall am 2.4.2017 im TAGESSPIEGEL auf.

Auch die Schulleitung hat reagiert und auf der Internetseite der Schule ihr Entsetzen bekundet, zumal die Schule sich seit 2016 als „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ positioniert hat und ausgezeichnet wurde.

Gleichwohl wird offen eingeräumt, dass fast 80% der Schüler-/Elternschaft und der Pädagoginnen sich für die Ziele des Programms einsetzen möchten und dahinter stehen. Die Schule hat damit aber ein gravierendes Integrationsproblem eingestanden.

Integration, Interkultur und Digitalisierung

Der Vorfall ist in Berlin kein Einzelfall. Die gesellschaftspolitische Einordnung als „antisemitische Stimmung“, Rassismus und Diskriminierung sollte nicht vorschnell erfolgen, denn fatale Grundmuster stellen sich bereits in vielen Berliner Schulen ein.

Neue Formen eines arabischen und türkischen Ethnozentrimus treiben Konflikte an, die auch politsche und kulturelle Formen annehmen.

Das Leitbild der offenen Gesellschaft und der „Polis“ ist in der Schule in Gefahr:

Lehrer stehen heute einer heterogenen Schülerschaft gegenüber, die neben dem Unterricht „verdeckt-zellulär“ per Messenger-Dienst und sozialen Netzwerken kommuniziert. In der digitalen Interkultur entfalten plötzlich tribalistische Muster Wirkung, weil kulturelle Ungleichzeitigkeiten aufeinander treffen. Lehrer stehen dabei plötzlich neben den verschiedenen Realitäten ihrer Schüler.

Zu den Ungleichzeitigkeiten gehört das Aufeinandertreffen von Individualismus und Tribalismus, zwischen egalitären Bildungsidealen und überkommenen kulturellen Mustern der Herkunfts-Gesellschaften.

Ideologische Muster des Antisemitismus und des politischen islamischen Antisemitismus kommen inzwischen in den Schulen auf, und müssen vor allem auch im „smartmobilen digitalen Nebenraum“ der Schulöffentlichkeiten bekämpft werden.

Schule ohne Rassismus  Schule mit Courage
„Schule ohne Rassismus Schule mit Courage“ – Signet an der Friedenauer Gemeinschaftsschule – Foto: tsz

Den Zustand der Parapolis überwinden

Mark Terkessidis hat hierfür den Begriff der „Parapolis“ geprägt. In der sich entwickelnden, vielgliedrigen „Parapolis“ – einem urbanen Nebeneinander von mobilen, unterschiedlichen und schnelllebigen Lebensentwürfen, in dem es „keine gemeinsame Vergangenheit mehr gibt“ – plädiert er für Maßnahmen, bei denen sich viele Aufgaben nicht mehr einfach „lösen“, aber sehr wohl „gestalten“ und „managen“ lassen.

Terkessidis: „Es geht nicht um geteilte Vergangenheiten, um Rückbesinnung auf verlorene Traditionen, sondern um Veränderung – um die Herstellung eines neuen interkulturellen Raumes und einer Gemeinschaft der Zukunft.“

Literaturtip:

Mark Terkessidis: Kollaboration; edition suhrkamp, ISBN: 978-3-518-12686-8

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