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Berlin wird von Unten smart!

Baustelle der Berliner Wasserbetriebe

In Berlin wird an allen Ecken und Enden gebaut: Straßen, Brücken, Wasserleitungen, Abwasserleitungen, Kabel-TV, Breitband- und Telekommunikation, Strom- und Gasleitungen, Steuerkabel und natürlich Hausanschlüsse und Klingel-Leitungen. Wieviel Baustellen mögen es gleichzeitig sein?

Stefan Natz, Pressesprecher der Berliner Wasserbetriebe zählt über 6.000 allein im öffentlichen Straßenland. Er hat mit den Berliner Wasserbetrieben den größten Überblick. Aber insgesamt sind es noch mehr Baustellen – man kann leicht den Überblick verlieren.

Grundsätzlich sind die Berlinerinnen und Berliner nicht gut auf Baustellen zu sprechen. Meist ist von Baustellenchaos die Rede. Schimpfen gehört zum Grundton. Vor allem dann, wenn über Umleitungen, gesperrte Bürgersteige, Radwege und Straßen und Verkehrsstau gesprochen wird, oder über Schlaglöcher. Größter Aufreger sind Baustellen, bei denen tagelang und manchmal wochenlang kein Bauarbeiter zu sehen ist. Es scheint offenbar bei so vielen Baustellen schlimme Zustände zu geben, ein Chaos, das natürlich aucn die Berliner Politik interessieren müsste! Doch niemand scheint das so richtig zu kümmern! Offenbar herrschen in Berlin unterirdische Zustände!

Public Private Partnership (PPP) im Berliner Untergrund

Tatsächlich tut sich schon lange etwas im Berliner Untergrund, im märkischen Sand, und in den oberirdischen Bodenschichten – seit Gründerzeiten. Die alten über hundert Jahre alten Leitungen sind ein schon lange erkanntes Problem: sie müssen irgendwann ausgetauscht werden. Wasserrohrbrüche legen immer wieder Hauptverkehrsachsen lahm. Aber auch jeder Neubau erfordert neue Anschlüsse, Baugruben, am Ende neue Straßen- und Wegedecken. Die lebendige und wachsende Stadt setzt umfangreiche Bau- und Sanierungstätigkeiten voraus – der Kampf gegen das Baustellenchaos erfordert einen langen Atem, viel Know How und Geduld.

Seit 2006 hatten einige Berliner Tiefbauämter und vier Leitungsnetzbetreiber eine freiwillige Zusammenarbeit begonnen. 2009 wurde die Kooperation zum Public Private Partnership (PPP)-Projekts „eStrasse“ formell beschlossen, um das Internet-Portal „eStrasse“ zur Einsatzreife zu bringen.

Unterzeichnende waren die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, die Tiefbau- und Landschaftsplanungsämter (heute Straßen- und Grünflächenämter) der Bezirke Marzahn-Hellersdorf, Steglitz-Zehlendorf und Treptow-Köpenick. Mit dabei: die vier Leitungsnetzbetreiber Berliner Wasserbetriebe, NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg mbH Co. KG, Vattenfall Europe Netzservice GmbH (Heute Stromnetz Berlin GmbH) und Vattenfall Europe Wärme AG.

Im Jahr 2011 wurde ein Verein gegründet, der sich mit Fachverstand, Baupraxis und innovativen Geist und IT-Technik um eine bessere unterirdische Baukoordination und ein besseren Baustellenmanagement kümmert. Der infrest – Infrastruktur eStrasse e.V. entstand auf Basis des Public Private Partnership (PPP)-Projekts „eStrasse“.

Der Berliner Baustellenatlas: Berlin wird von Unten smart

Ideen und Konzepte für den digitalen Baustellenatlas mit Baustelleninformationssystem wurden erarbeitet. Die Arbeit an der Systemprogrammierung sollte zu einem komplexen, hoch arbeitsteiligen und leistungsfähigen System hinführen. Es besteht zunächst aus dem Leitungsauskunftsportal, das rechtssichere Leitungsauskünfte erteilen soll. Dafür müssen nach und nach alle Flächen, Straßen und Grundstücke und die Leitungsinfrastruktur digitalisiert werden. Es ist eine gigantische Aufgabe die Jahre dauert, die aber mit jeder Baustelle besser vorankommt.

Viele Vorgänge müssen bei jeder einzelnen Baustelle vorbereitet, geplant und koordiniert werden. Architekten und Bauplaner, Vermessungsingenieure und Leitungsnetzbetreiber für Wasser, Strom und Erdgas (u.v.m.) müssen ebenso wie Behörden bei jeder Baustelle eng zusammenarbeiten.

Der Berliner Baustellenatlas wurde im September 2015 in Betrieb genommen und ermöglicht, Bautätigkeiten im öffentlichen Straßenraum transparent, nachvollziehbar und koordinierungsfähig zu machen. Der digitale Baustellenatlas ermöglicht eine effizientere Planung und sorgt für immer bessere Synergien, je mehr Stadtgebiet mit digitalen Karten und Leitungsplänen vermessen ist.

Der Baustellenatlas ermöglicht die unkomplizierte Eintragung von aktuellen und geplanten Baumaßnahmen und verzeichnet deren Status auf einer einzigen übersichtlichen Karte. Damit werden allen Nutzern die erforderlichen Planungs-, Prüfungs- und nachfolgenden Genehmigungsprozesse erleichtert.

Für Disziplin sorgt das fünfjährige Aufgrabungsverbot im öffentlichen Straßenland, wenn Stra0enoberbau und Straßendecken neu hergestellt werden. Wird eine Baumaßnahme geplant, müssen sich alle Netzbetreiber der Baumaßnahme anschließen. Der Vorteil: das Aufgraben und Wiederherstellen von Straßen erfolgt in einem koordinierten Ablauf. Die Netzbetreiber sparen so auf Dauer Millionenbeträge ein, und müssen viel weniger Baugruben-Aushub bewegen.

Der Berliner Baustellenatlas wurde inzwischen zu einem umfassenden System ausgebaut, das praktisch weltweit einsetzbar ist. Seit 2015 ist das System auch deutschlandweit im Einsatz und wird in hunderten Städten und Gemeinden übernommen, von Mecklenburg-Vorpommern bis Nordrhein-Westfalen. Auch Köln und Hamburg sind mit dabei.

Baustelleninformationssystem
Sechs für Durchblick auf Berlins Tiefbaustellen (v.l.n.r.):
Stromnetz Berlin GmbH: Kerstin Riesch, Leiterin Betrieb Mittel- und Niederspannungsleitung.
Berliner Wasserbetriebe, Heiko Bohnhorst, Leiter Planung und Bau
NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg mbH & Co. KG: Bernd Kopplin, Leiter Bau
Alliander Stadtlicht GmbH: Juliane Freitag, Prokuristin
infrest – Infrastruktur eStrasse GmbH, Jürgen Besler, Geschäftsführer
Vattenfall Wärme Berlin AG: Gerhard Plambeck, Leiter Anlagenbetrieb – Foto: m/s

Wer gräbt denn da? Baustelleninformation für unterwegs!

Die Berlinerinnen und Berliner müssen sich nun auch damit anfreunden, künftig nicht mehr über das Baustellenchaos meckern zu können. Denn der Berliner Baustellenatlas hat noch etwas möglich gemacht: es gibt ein Baustelleninformationssystem (BIS) als App für Smartphones, die ab sofort und gratis Tiefbaustellen auf Berliner Straßen und Plätzen erklärt.

Vorgestellt wurde die App am 15. Mai 2018 auf einer Großbaustelle der Berliner Wasserbetriebe in der Potsdamer Straße in Schöneberg. Hier werden über hundert Jahre alte Wasserrohre, Sperrschieber und alle umliegenden Leitungen mit erneuert. Aktuell sind rund 6.000 Baustellen in der App verzeichnet.

„Mit der BIS-App schaffen wir für Berlin die seit Jahren geforderte Transparenz beim Thema Baustellen“, sagte Jürgen Besler, Geschäftsführer der infrest GmbH. Die für Android und IOS verfügbare App erklärt mobil, ad-hoc und kostenfrei Tiefbaustellen in Berlin. Entwickelt wurde das BIS von der infrest – Infrastruktur eStrasse GmbH im Auftrag der fünf Berliner Infrastrukturbetreiber.

Einfache App – leichte Übersicht – keine Datenschutzprobleme

Die BIS-App funktioniert überschaubar einfach: Nutzer müssen dafür lediglich die App herunterladen und an der jeweiligen Baustelle eine DIN-genormte Baustellenbake scannen. Mittels Standortbestimmung per GPS und den Baustellendaten aus dem Baustellenatlas der infrest ermittelt das BIS die jeweilige Baustelle.
Die Smartphone-Nutzer werden direkt über die Bezeichnung der Baustelle informiert, – wie z. B. Reparaturarbeiten am Wassernetz – und das geplante Bau-Ende. Bei Baustellen der fünf Infrastrukturbetreiber wird auch die Sparte – beispielsweise Wasser/Abwasser – und der Auftraggeber der Baustelle angezeigt. Wird eine Baustelle erkannt, bietet die App die Möglichkeit, einen der an
den Arbeiten beteiligten Infrastrukturbetreiber zu kontaktieren und Hinweise und Fragen zu übermitteln. Die Daten der Nutzer bleiben aber geschützt.

Auch das Rätseln über fehlende Bauarbeiter auf Baustellen hat ein Ende: wenn man Oben niemanden arbeiten sieht, laufen meist Bauarbeiten tief unter der Erde. Auch Druckprüfungen und Aushärtezeiten und mitunter auch wetterabhängige Abbindezeiten von Beton und Dichtungsbelägen gehören zum Bauablauf, bei denen Bauarbeiter zeitweise abrücken.

E-Government aus dem Untergrund nimmt die Berliner Verwaltung an die Hand

Der Berliner Baustellenatlas mit dem Leitungsauskunftsportal hat einen eigenen Standard gesetzt, der aus der Baupraxis heraus entwickelt wurde. Das technische System verfügt über Schnittstellen, damit das Leitungsauskunftsportal der infrest mit allen wichtige geografischen Informationssystemen zusammenarbeiten kann. Aktuell ermöglicht das Leitungsauskunftsportals knapp 4.000 Trägern öffentlicher Belange (TöB) bundesweit mit Leitungsanfragen zu kontaktieren.

In Berlin hapert es noch mit der Integration der Berliner Bezirksämter, die selbst jeweils rund 1.000 Baustellen veranlassen und verantworten. Die fehlenden Baustellen der Berliner Bezirksämter werden noch nicht in der BIS-App angezeigt.

Doch die Praktiker von der infrest Gmbh haben schon die Berliner Verwaltung „von Unten“ unterstützt: seit Oktober 2017 ist eine Schnittstelle im Leitungsauskunftsportal aktiv, die etwa die Antragstellung auf Sondernutzung nach § 12 des Berliner Straßengesetzes ermöglicht. In einigen Bezirken Spandau, Neukölln, Treptow-Köpenick und Lichtenberg können seit Jahresbeginn 2017 Zustimmungen nach §68 TKG mit dem Leitungsauskunftsportal eStrasse beantragt werden.

Die schrittweisen Verbesserungen sind im Gang – Berlin wird inzwischen aus dem Untergrund heraus unterirdisch gut gemanagt! Die Berliner Netzbetreiber und beteiligten Akteure haben die Digitalisierung genutzt und ein zukunftssicheres System geschaffen.
Geschäftsführer Besler und alle „kollaborativen Partner“ können inzwischen auch auf eine Qualitäts-Zertifizierung nach DIN EN ISO 9001:2015 stolz sein, mit der auch im bundesweiten Markt gepunktet wird.

Derzeit werden jährlich rund 1,5 Mrd. € in Berlin im Tiefbau und Straßenbau von den Hauptnetzbetreibern verbaut. Die Summe wird in den nächsten Jahren sogar auf über 2,5 Mrd. € wachsen.

Berlin ist mit dem System aus Leitungsauskunftsportal, Baustellenatlas und mobiler Baustellen-Information gut gerüstet, und hat das „einstige“ Baustellenchaos gut im Griff.


Weitere Informationen:

Hier laden Sie die App herunter:
App Store für IOS-Geräte
Google Play für Android

www.infrest-verein.de

www.infrest.de

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