Sonntag, 22. Oktober 2017
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Luise-und-Wilhelm-Teske-Schule soll reaktiviert werden

"Teske-Schule" in Schöneberg

Die 1908 vom Stadtbaurat Paul Egeling errichtete ehemalige Fritz-Haber-Schule in Schöneberg wird seit Herbst 2015 als Notunterkunft für Flüchtlinge genutzt. Nach aktuellen Plänen der Senatsschulverwaltung soll das Gebäude wieder als Schule reaktiviert werden.

Die ursprünglich nach dem deutschen Chemiker Fritz Haber benannte Schule wurde 1998 in Luise-und-Wilhelm-Teske-Schule umbenannt. Haber hatte die Ammoniaksynthese erfunden, und war im Ersten Weltkrieg maßgeblich an der Forschung zum Einsatz von Giftgas beteiligt.
Das jüdische Ehepaar Luise Teske und Wilhelm Teske hatte in der NS-Zeit jüdische Mitbürger in ihrem Keller versteckt. Beide sind 2009 in der Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt worden.

Konzept: überregionale Schule für geflüchtete Jugendliche

In einer Pressemitteilung bekundete die Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Familie, hier eine überregionale Schule für geflüchtete Jugendliche mit „Profil-Willkommensklassen“ einzurichten. Insgesamt 220 Schülern im Alter von 15 oder 16 Jahren mit „geringen schulischen Vorkenntnissen“ sollen hier in elf „Willkommens-Profil-Klassen“in unterrichtet werden.

Wie der TAGESSPIEGEL gestern berichtete, gibt es sofort politischen Streit, der mit „Befürchtungs-Schlagworten“ wie „Sonderschule“ für Flüchtlinge“ und „“Apartheidsschule“ angesprochen und wohl auch politisch hochgekocht wird.

Integrationspolitik versus Enkulturierung der Schüler

Der beginnende integrationspolitische Streit sollte die Prioritäten berücksichtigen, und nicht zu Lasten der Schüler ausgetragen werden. Die Zielgruppe des künftigen „Bildungszentrum Tempelhofer Weg 62“ ist aus vielerlei Gründen möglicherweise nicht ausreichend „enkulturiert“, um sich sofort in einem integrativen interkulturellen Schuluntericht zu recht zu finden.

Netzwerk Schöneberg hilft e.V. kritisiert vor allem, das „solche Lerngruppen nun in einem überregionalen Standort gebündelt werden sollen, der zwar verkehrlich gut erreichbar ist, aber völlig isoliert und
ohne jede Form der Alltagsbegegnung mit anderen, nicht geflüchteten Jugendlichen.“

Die Frage, ob geflüchtete und ggf. traumatisierten Jugendliche mit besonderen Betreuungsbedarf und Sprachproblemem in normalen Willkommensklassen in Regelschulen besser integriert werden können, wird offenbar nicht gestellt.

Die Konzeptfindung wirft viele offene Fragen auf, denen vermutlich am Besten nachgegangen werden kann, wenn die Schüler vor Ort eintreffen, und selbst mit Pädagogen und Dolmetschern über ihre Probleme und Wünsche reden können. Vielleicht ist auch eine operative Flexibilität gefordert, die erst schrittweise erprobt werden muss.

Update: Umstrittenes Konzept der Flüchtlingsschule wird modifiziert

Das von der Senatsverwaltung in die Diskussion gebrachte Konzeot ist auf Protest gestoßen und hat auch im Bezirk Reaktionen hervorgerufen: Der schulpolitische Sprecher der SPD-Fraktion Tempelhof-Schöneberg, Kevin Kühnert:

„Die jüngsten Meldungen rund um die Pläne der Senatsverwaltung für die ehemalige Teske-Schule haben viele Menschen im Bezirk verunsichert. Wir sind froh, dass sich die meisten Befürchtungen rund um den Standort Tempelhofer Weg nach Rücksprache mit Bildungsstaatssekretär Rackles als unbegründet erwiesen haben. Entgegen anderslautender Berichte soll es dort um ein Bildungszentrum auf Zeit gehen. Die Rede ist von drei bis fünf Jahren. Das ist wichtig, da sich die Bezirksverordnetenversammlung erst jüngst dafür ausgesprochen hat, den Standort perspektivisch wieder ans Schulnetz zu nehmen. Wir sind überzeugt, dass der wachsende Bezirk Tempelhof-Schöneberg auf diese Kapazitäten keineswegs verzichten kann.

Staatssekretär Rackles hat zudem eine Anbindung an die Hugo-Gaudig-Sekundarschule in Tempelhof angekündigt, die beispielsweise im Rahmen gemeinsamer AG-Angebote gelebt werden kann – definitiv aber ohne die Umsiedlung von Schülerinnen und Schülern. Das Bildungszentrum kann auf diesem Wege auch die Musik- und die Volkshochschule oder Sportvereine für die Zusammenarbeit gewinnen, sodass der Standort sich öffnet und nicht abschottet. Ohne diese Mechanismen kann Integration kaum gelingen.“

Orkan Özdemir, Integrationspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion Tempelhof-Schöneberg ergänzte dazu:

„Die Integration geflüchteter Kinder und Jugendlicher in unsere Regelschulen steht für uns an erster Stelle. Ich begrüße daher die Ankündigung von Schulstadtrat Oliver Schworck, wonach seinerseits keine Ansiedlung von Willkommensklassen im temporären Bildungszentrum Tempelhofer Weg geplant ist. Die Einrichtung der angekündigten Profilklassen werden wir aufmerksam begleiten und darauf achten, dass alle Zusagen eingehalten werden. Dazu gehören die maximale Öffnung des Standortes und die klare Orientierung auf die Weitervermittlung der Schülerinnen und Schüler an reguläre Bildungseinrichtungen.“

Wie das künftige Konzept der Schule konkret aussehen wird, wird noch in einem späteren Beitrag beleuchtet.

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m/s