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Vergrämt Instagram Kunden?

Instagram

/// Kolumne /// – In der Phase des Corona-Shutdown suchen viele Menschen nach Rettungsankern. Vor allem Händler im Kiez werden mit Hash-Tag-Hilfsangeboten regelrecht überschüttet. Ob es hilft, wissen nur die Mitglieder von Instagram-Gruppen selbst.

De facto treten viele kleine neue Marktmittler in den Markt ein. Diese beanspruchen Mittlerprovisionen, die von Spenden abzuziehen sind. Dazu wird Zeit bis zum realisierten Geldeingang bei Zuwendungsempfänger verbraucht. – Soziale Marktwirtschaft ist das nicht!  Zukunftsicher auch nicht!

Überdies gibt es in Berlin eine überproportiale Nachrichtendichte, die noch weiter vermehrt wird.  Die vielen kleinen Akteure und neuen Helfer werden kaum noch sichtbar. E-Commerce wird damit niemals im „Digitalkiez“ eigentragfähig! Prekäre Arbeit wird zum digitalen Konzept!

Eines ist sicher: wer auf Instagram wirbt, muss ohne lokale Presse und ohne richtige Pressetermine auskommen. Zeitungen verlieren Anzeigenumsätze und bringen nur noch Tips, oder schicken Praktikanten vorbei.

Die Tempelhof-Schöneberg Zeitung stellt in jedem Fall lokal keine Ressourcen für das kalifornische Unternehmen Facebook bereit.

Denn die digitale Zeitung richtet sich Allgemeinöffentlichkeit und große Zielgruppen. Auch wird der Europäischen Datenschutzgrundverordnung gefolgt. Die Ziele der geplanten ePrivacy-Verordnung, die den Schutz der Privatsphäre zum Ziel hat, werden als Voraussetzungen für eine soziale Stadt angesehen!

Von der Datenschutzgrundverordnung ist bei Instagram nicht die Rede.

Ein Blick in die „Instagram Datenschutzrichtlinie“ zeigt, in welche digitale Welt eingetaucht werden soll: „Diese Richtlinie beschreibt die Informationen, die wir zur Unterstützung von Facebook, Instagram, Messenger und anderen von Facebook angebotenen Produkten und Funktionen (Facebook-Produkte oder Produkte) verarbeiten.“

Nicht der Kunde steht somit im Mittelpunkt, sondern Facebook Inc.. Die möglichen Nutzer werden mit einem „Du“ angesprochen, denn es geht um „Von dir und anderen getätigte und bereitgestellte Dinge.“

Das „Du“ täuscht über einen wichtigen Sachverhalt hinweg: Mit dem freiwilligen Log-In werden intimste Bürgerrechte, Stadtrechte und Marktrechte an einen Konzern abgegeben! 

Auch Daten und Transaktionsdaten gelangen so in den Besitz des kalifornischen Unternehmens. Auch Telefonnummern, auch Zahlungsdaten – denn die Konten der Geschäftsleute sind auf deren Internetseiten und Internet-Shops nachvollziehbar, oder können von Diensten manuell nachgetragen werden, um ein digitales Abbild vom Kiez zu schaffen:

„Wer kauft? Wer handelt mit Wem?“ „Welche Produkte werden gehandelt?“.

Die Daten kann man kaufen! Große Unternehmen erkennen so lohnende Trends und optimieren Preise und Angebotspaletten. Der Kiez fördert so die Konzentration in den Digitalmärkten.

Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler und Wirtschaftsamtsleiterin Martina Marijnissen machen aktuell Werbung für das kalifornische Unternehmen, und raten zum Verschenken von Daten!  Und sie leiten damit den „Ausverkauf“ der Handelsdaten an die Online-Marketing-Riesen ein!

Was sind die Daten wert?

Eine einzige aus Datenspuren zusammengesetzte  „ladungsfähige Adresse aus dem Kiez“ ist bis zu 246 € wert! Im Durchschnitt erwirtschaftet Facebook zweistellige Beträge ab 16 € (im Jahr 2016 in D) und 24 Dollar (in USA).

Das Münchner Start-up  „it’s my data“, das Alexander Sieverts und Michael Giese im August 2018 gegründet haben, rechnet nach. „20 Dollar könnten hinkommen“, sagte Geschäftsführer Alexander Sieverts. Aber: „Jetzt nehmen Sie aber mal nur Instagram, Whatsapp, Twitter, Youtube, Netflix, die Bewegungsdaten ihres Smartphones, ihren Energieverbrauch und ihre Telefondaten dazu. Insgesamt sind ihre Daten dann ganz schnell sehr viel mehr wert.“ Rechnete man den Wert all dieser Daten zusammen, ergebe das einen mittleren drei- bis vierstelligen Betrag, schätzte Sieverts.

Datenschutzkonzept der Tempelhof-Schöneberg Zeitung

Das Datenschutzkonzept der Tempelhof-Schöneberg Zeitung setzt auf die Agenda der Cities Coalition for Digital Rights, die auch Berlin mit unterzeichnet hat. Allerdings auf Initiative von Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Bündnis 90/Grüne).

Die Datenschutzerklärung und ePrivacy-Hinweise richten sich nach den Vorgaben der Datenschutzgrundverordnung, deren Umsetzung allerdings den Betrieb allgemeinöffentlicher digitaler Zeitungen inzwischen umfassend mit immer mehr neuen Regeln erschwert.

Bezirksamt Mitte warnt vor eigenem Instagram-Account

Das Bezirksamt Berlin-Mitte betreibt schon seit 2018 einen eigenen Instagram Account. In einer eigenen Seite des Bezirksamts wird vor dem eigenen Instagram-Account gewarnt.

Ob sich das lohnt, wissen auch hier nur die Instagram Mitglieder. Man muss erst einloggen, seine Daten abgeben, bevor geschaut werden kann. Immerhin wurden seit dem Start 2018 insgesamt 261 Beiträge für 1.693 Abonnenten veröffentlicht. Die faktische Lesereichweite ist damit verschwindend gering. Für die lokale Presse und ihre Öffentlichkeit ist das Thema daher nicht wirklich relevant.

Auch eine andere Institution in Berlin-Mitte „warnt“ vor allem Eltern: „Schau-hin“. Es ist das von Dr. Franziska Giffey (SPD) geführte Bundesfamilienministerium, das hier in einer Höhe Steuermittel aufwendet, mit denen Lokalzeitungen finanzierbar sind.

In Tempelhof-Schöneberg wird nicht einmal gewarnt! Man macht sich einen schlanken Fuß, und „teilt“ nur die Information, ohne Haftung zu übernehmen. Die wirtschaftlichen Folgen werden offenbar nicht bedacht.

Tempelhof-Schöneberg eine Instagram-Hochburg?

Bezirkbürgermeisterin Angelika Schöttler macht sich für Instagram stark:

„Der #gibtshierimkiez_ts ist kaum gepostet, da findet schon eine lebhafte Diskussion unter dem Post statt, in der es darum geht, was es noch für weitere Möglichkeiten geben könnte, auf das Kiezleben aufmerksam zu machen. Das bestätigt mich darin, dass wir hier den richtigen Weg gehen. Das Schöne an dieser Aktion ist, dass wir auch nach der Lockerung der Beschränkungen mit dieser Idee weitermachen können.“

Die Nutzerzahlen werden bald den Weg weisen! (Vielleicht kann man sie einmal veröffentlichen?)

Die Tempelhof-Schöneberg Zeitung erreicht mehr – und sie kann mehr:

Die bewußten Lesereichweiten für einen einzigen Beitrag in der Tempelhof-Schöneberg reichen weiter, als bisher gemessene Gesamt-Reichweiten von „behördlichen Instagram-Accounts“ in zwei Jahren.

Vor allem: es verschwinden keine Gesichter, Fotos und Namen hinter anonymen Hashtags. Öffentliche Sichtbarkeit und Transparenz im Markt sind die Hauptwährungen der Aufmerksamkeitsökonomie, die durch Zeitungen ihren Wert bekommen. Die Grundlagen für die soziale Marktwirtschaft bauen auf Öffentlichkeit, OpenData und OpenAccess für Alle. Auch die „Stufenleiter der PR“ wird durch freie Presse offen gehalten.

Der schumpetersche Wachstumspfad vom“kleinen Geschäft“ zur großen Marke kann auch durch Zeitungen offen gehalten werden. Mit kleiner Kunst und Kultur kann auch ein immer größeres Publikum erreicht werden. Der Weg zum Ruhm ist damit offen!

Soziale Netzwerke sind dagegen „überschaubare Datensilos“ von Eliten und digitalen Kohorten und geräteabhängigen Fangroups, die sich um Foto-Apps herumgruppieren.

Netzpolitischer Trennstrich mit Auswirkungen?

Netzpolitisch wird nun von der Wirtschaftsförderung in Tempelhof-Schöneberg ein klarer Trennstrich gezogen: denn die Agenda der Cities Coaliton for Digital Rights, EU-Datenschutzgrundverordnung und das Konzept der Tempelhof-Schöneberg Zeitung sind völlig unvereinbar mit der neuen „Instagram-Digital- und Wirtschaftspolitik“ im Bezirk.

Diese „Instagram-Digital- und Wirtschaftspolitik“ ist auch unvereinbar mit den Ziele der neuen EU-Kommission hinsichtlich Digitalpolitik, Datenschutz, Verbraucherschutz und Förderung der europäischen Lebensweise.

Nicht nur Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler, sondern die Berliner Sozialdemokratie insgesamt sollte sich mit Grundsatzfragen der „digitalen-sozialen Marktwirtschaft“ und EU-Politik auseinandersetzen!

Denn die neue „Instagram-Digital- und Wirtschaftspolitik“ greift erkennbar auch in die ökonomischen Grundlagen der kommunalen Pressefreiheit ein. Eine funktionale Preisbildung im digitalen Anzeigenmarkt wird damit erschwert. Das staatliche Eingreifen in den digitalen Markt ist nach den Regeln des „Dortmund-Urteils“ auch grundgesetzwidrig!

Die Konsequenz: ab dem 1. Mai 2020 ist digitale Pressefreiheit im Mediennetzwerk Berlin als eine infrastrukturelle digitale Leistung nur noch gegen eine „Anschlussgebühr“ zu haben.

Instagram kann also nicht nur Kunden, sondern auch die „lokale Presse“ und die soziale Marktwirtschaft im Kiez vergrämen!

Die Tempelhof-Schöneberg Zeitung bekommt Ende April internationale Verstärkung. und wird weiter die Ziele des „Aktionsprogramm für freie und unabhängige Medien“ der SPD-Bundestagsfraktion vom 4.Juni 2019 verfolgen.



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