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Digitalisierung an der Tanke: die „Preßluft-Challenge“

AIR SERV Reifendruckprüfer- und Füller

/// Glosse /// – Immer mehr Tankstellen in Berlin verpachten Nutzungsflächen an externe Dienste. Die gelben DHL-Paketstationen fallen dabei optisch besonders heraus. Im Service-Kerngeschäft rund um das Auto setzt man jedoch auf die bewährten Markenfarben von Aral, Esso und anderen Fossil-Brennstoff-Marken. Neueste Errungenschaft sind „AIR TOWER“ aus Edelstahl, Preßluft-Münzautomaten, die neben Münzstaubsaugern zum automatisierten Abkassieren aufgestellt werden. Die „AIR TOWER“ werden mit einem Frontaufkleber in Farbe und Design der Tankstellen-Marke versehen.

Es kommt jedoch keine Künstliche Intelligenz zum Einsatz, sondern krude Münzautomaten-Technologie, wie man sie von Verkaufsautomaten her gewohnt ist. Im Fall der Reifendruckfüllgeräte handelt es sich sogar um „Master-Slave“-Automaten, bei denen der Kunde zeitweilig nach Münzeinwurf „versklavt“ wird, und eine scheinbar unmögliche Dienstleistungs-Routine zur Reifendruck-Kontrolle der bewältigen muss.

Die Preßluft-Challenge

Worin besteht nun die Herausforderung? Bei genauer Analyse des Workflows ist es eine ganze Kette von Herausforderungen, die Preßluft-Automaten an Fahrzeugführer stellen:

Erstens: es ist erforderlich, das Kraftfahrzeug in geeigneter Entfernung aufzustellen, denn der herausrollbare Preßluftschlauch ist nicht unendlich lang. Bei jedem Preßluftautomaten gibt es genau drei Aufstellpositionen, bei denen der Preßluftschlauch lang genug ist, um bis zu allen vier Reifenventilen heran zu reichen. Fahrer von SUV´s und großen Limousinen bekommen jedoch ein Problem: die Preßluftleitung reicht nur, wenn man den Preßluftschlauch unter dem Auto hindurchführt.

Hat der Autofahrer nicht vorgesorgt, und vorher keine hilfreiche Paketschnur ausgelegt, mit der er den Preßluftschlauch am Düsenventil unter dem Auto duchziehen kann, ist die erste Challenge schon verloren: das Auto muss während der Preßluftbetankung umgeparkt werden.

Zweitens: es ist unbedingt erforderlich, die Soll-Werte des notwendigen Reifendrucks vor Münzeinwurf zu kennen. Wer eine Euro-Münze einwirft, hat nur rund 5 Minuten Zeit – bis die nächste Münze eingeworfen werden muss.

Drittens: Die Bedienanleitung auf dem Preßluftautomaten sollte unbedingt zuerst gelesen werden. Unkenntnis kostet Zeit, und mindestens eine weitere Euro-Münze.

Viertens: hat man die Euro-Münze eingeworfen, muss der Soll-Druck eingestellt werden. Der „Preßluft-Sklave“ hat nun auf fünf Minuten begrenzte Zeit, alle vier Reifen zu überprüfen, und den Druck anzupassen. Ist der Preßluftschlauch am Reifenventil festgeklemmt, muss man einen Moment warten, bis der Preßluftautomat „piept“ und so akustisch das Erreichen des Zielwertes vermeldet. Da der ausgerollte Preßluftschlauch von einem Federzug zurück gezogen wird, der beim Loslassen den Schlauch samt Preßluft-Ventil zurück zieht, darf man auf keinen Fall loslassen. Kratzer im Auto wären die Folge.
Dummerweise kann man allein aber nicht auf dem Display nachschauen, sondern muss als „gebückter Preßluft-Sklave“ ein Gottvertrauen in die richtige Arbeitsweise des Automaten entwickeln.

Fünftens: Autohersteller haben üblicherweise unterschiedliche Reifendruck-Empfehlungen für Vorder- und Hinterräder. Dummerweise erlaubt so ein Preßluftautomat nur die Einstellung eines einzigen Wertes. Will man keine weitere Euro-Münze einwerfen, muss getrickst werden. Dazu wird einfach ein höherer Reifendruck eingestellt und entsprechend aufgepumpt. Die Reifen mit dem zu hohen Reifendruck müssen anschließend manuell durch Ablassen von Luft entlastet werden.

Preßluft-Münzautomaten: eine ergonomische Katastrophe

In der Praxis wird die Reifendruck-Überprüfung zu einer echten „Challenge“ – denn der Preßluftschlauch steht unter hoher Zugspannung. Umso höher, je weiter ausgerollt wird. Da man die Display-Anzeige nicht mehr gleichzeitig einsehen und kontrollieren kann, wird die Verantwortung des Fahrzeugführers für den richtigen Reifendruck von der optischen Wahrnehmung und Prüfung entkoppelt.

Der Hersteller AIR SERV sieht es „digital-optimistisch“:
„Durch die Vorwahl des gewünschten Reifendrucks am digitalen Display, die elektronisch gesteuerte Befüllung und den schmutz-/nässegeschützten Schlauch im Gerät hat der Nutzer stets das Gefühl der Sicherheit und Sauberkeit.“

Die Preßluft-Betankung wird jedoch zu einem Ärgernis, denn der König-Kunde gerät hier in eine „Sklaven-Position“, die in keiner Weise mit dem frohen und optimistischen Markenimage der großen Tankstellen-Marken vereinbar ist.

Die Flucht zu den letzten freien Preßluft-Tankstellen in Berlin hat deshalb längst eingesetzt. Vor allem Fahrrad-Fahrer fühlen sich nun abgezockt, und müssen als Zweirad-Fahrzeuge auch noch den doppelten Preis für nur einen Bruchteil benötigter Luft bezahlen.

Preßluft-Münzautomaten: die Challenge für Service-Intelligenz

Die wahre Herausforderung entsteht nun für die Tankstellen-Konzerne. Autofahren und neue Mobilität, Freude am Fahren und Kundenfreundlichkeit sind unvereinbar mit Preßluft-Münzautomaten, die moderne mobile Stadtbewohner in eine „Sklaven-Position“ hineinzwingen.

Die SPD-Fraktion in der BVV Tempelhof-Schöneberg hat das Problem offenbar auch erkannt, und hat dabei vor allem Radfahrende und Zweiradfahrzeuge im Blick. In der kommenden Bezirksverordnetenversammlung stellt Kevin Kühnert daher das Thema „Anschaffung von öffentlichen Luftpumpstationen“ (Drucksache – 0816/XX) vor.

Der Hersteller AIR-SERV bringt inzwischen die nächste Geräte-Generation: das 2-in-1 Kombigerät bietet dem Nutzer die Möglichkeit wärend der Nutzung des Gerätes beliebig oft umzuschalten zwischen die Saugfunktion und den Reifendruckprüfer- und Füller.

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