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Karstadt und die soziodemografischen Gründe für die Schließungen

Schlussverkauf bei Karstadt

Kommentar: Michael Springer

Galeria Karstadt Kaufhof bereitet die Kaufhausschließungen vor. Nach neuen Unternehmensangaben bleiben nur 121 von derzeit 172 Standorten übrig. Die Bürgermeister der betroffenen Städte und Bezirke in Berlin haben einen Brief der Unternehmensleitung bekommen, der keine Hoffnung mehr macht, dass der Betrieb noch weitergehen könnte.
In dem Brief werden auch Parameter genannt, die für die Schließungen entscheidend waren: „… gegenwärtige und künftige soziodemographische Parameter des Standortes, die Standortverteilung in der Region, das wirtschaftliche Leistungsvermögen der Filiale, die Höhe von Mieten und weiteren Kosten sowie weitere Parameter des jeweiligen Mietvertrages.“

Entscheidender Faktor sind die Mieten, die schon weit vor Corona für Schließungspläne sorgten. Die bis zu 40% Nebenflächen in den einzelnen Kaufhäusern werden zur untragbaren Belastung. Heute müssten Mieten auf 4-6 Euro pro Quadratmeter sinken, um einen Kaufhausstandort in Zentrenlage noch zu halten.

Doch es gibt auch „soziodemografische Gründe“ für Schließungspläne, speziell in Tempelhof, wo sich Karstadt sehr für den Tempelhofer Damm eingesetzt und jährlich maßgeblich zur Finanzierung der Weihnachtsbeleuchtung finanziell beigetragen hat.

Doch was haben die Tempelhofer zum Geschäft von Karstadt beigetragen?


Hat etwa Bürgermeisterin Angelika Schöttler eine Galeria Kundenkarte oder sogar die Galeria-App? Wie sieht es mit Stadträten und Verantwortungsträgern in Wirtschaftsförderung und kommunalen Beschaffungswesen aus? Geht da noch etwas?

Wieso gibt es allgemeine Klagen über Kaufhaus-Schließungen, aber keine Werbeaktionen, die Karstadt zum Treffpunkt machen, wo es doch einen täglichen „Kaffee & Kuchen Deal“ gibt? Ist das Kaufhaus etwa kein Anziehungspunkt? Oder fehlen einfach nur lokale Impulse und lokale Marketing-Impulse?

Wie will der stationäre Handel im Verhältnis zum alltäglichen 365/24-Online-Marketing von Amazon für seine Amazon-Prime-Kunden bestehen? Immerhin gibt es inzwischen Amazon-Prime-Abos in mehr als 17,4 Millionen, der insgesamt 41 Mio. Haushalte, mit entsprechender Relation in Berlin.

Sind Standortinitiativen ohne eigenen Geschäftsbetrieb noch das Mittel der Wahl? Was hat z.B. die Unternehmer-Initiative Tempelhofer Damm e. V. im effektiven Standortmarketing eigentlich „für Karstadt“ geleistet? Warum hat man z.B. nur auf einzelne Festtage und nicht auf Angebots- und Verkaufsaktionen gesetzt? Müßten Amazon und andere Online-Händler nicht längst in das Sponsoring der Weihnachtsbeleuchtung mit eingebunden sein? Wie konkurriert man mit Online-Händlern, die ihren abonnierten Kunden alltäglich digitale Kauf-Angebote machen?

Wieso fällt der Wirtschaftsförderung nicht auf, dass weder namhafte Filialisten am Tempelhofer Damm, noch Unternehmer mit zweiter Muttersprache, in der Unternehmer-Initiative mit eingebunden sind? Liegt hier vielleicht auch eine „sozio-demografische Standort-Schwäche“ vor?

War die Nichtteilnahme von Karstadt Tempelhof an verkaufsoffenen Sonntagen nicht ein lange schon wahrnehmbares Warnzeichen?

Inzwischen ist die Corona-Pandemie zum bestimmenden „sozio-demografischen Faktor“ geworden. Die physischen Kundenströme brechen weg, der Online-Handel nimmt massiv zu.

„Wir rechnen auch in den kommenden Monaten nicht mit der Erreichung normaler Umsätze“, heißt es im aktuellen Bürgermeister-Brief. Nach der Vorlage eines Sanierungsplanes bei Gericht befindet sich das Unternehmen seit dem 1. Juli in der Insolvenz in Eigenverwaltung. Dem Schreiben zufolge werde Galeria Karstadt Kaufhof „aller Voraussicht nach nach der Gläubigerversammlung am 01.09.2020 die Insolvenz zu Ende September abschließen können.“

Galeria Karstadt Kaufhof mit Final Sale in der Schloßstraße mit bis zu 70% Rabatt - Foto: szz
Galeria Karstadt Kaufhof mit Final Sale in der Schloßstraße mit bis zu 70% Rabatt – Foto: szz

Der Sortiments-Abverkauf hat bei Galeria Karstadt Kaufhof begonnen. Der Final Sale bietet Rabatte von 30%, 50% und sogar 70%.
Der wichtigste soziodemografische Faktor sind nun in den nächsten Wochen die Bürgermeister und Wirtschaftsförderer, die bis zur letzen Stunde um den Erhalt ihrer Karstadt-Standortes kämpfen.

Erkannte Fehlentwicklungen könnten noch korrigiert, gewendet und flankiert werden.

Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop sollte eine Initiative auf den Weg bringen, die künftig alle Online-Händler in die Finanzierung von Stadtmarketing und Weihnachtsbeleuchtungen einbindet. Der unfaire Wettbewerb zwischen Handelsplattformen und stationären Händlern muss beseitigt werden!

Es kommt aber vor allem auch auf alle Händler und Gewerbetreibenden und ihre Kunden an, sich „wirtschaftlich und kassenwirksam“ auch für Karstadt und den umgebenden Handelsstandort Tempelhofer Damm zu engagieren – und sei es als neue Online-Kunden. Agilität und Kreativität sind gefordert!

Der Tempelhofer Damm hat städtebaulich längst beste Voraussetzungen für einen modernen soziodemografisch agilen Kundenmix, nachhaltige Mobilität und Logistik – und für einen durch digitale Synergien und Marketing geförderten Handelsstandort mit Zukunft!

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