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Tempelhofer-Damm zu lang für eine smarte Wirtschaftsförderung?

Tempelhofer Damm / Ringbahnstraße

Von Michael Springer

Vom Platz der Luftbrücke bis zur Mitte der Stubenrauchbrücke über den Teltowkanal – noch vor der Ullsteinstraße – verläuft die 3,5 Kilometer lange Ein- und Ausfallstraße Tempelhofer Damm.
Der erste Kilometer bis zum S & U-Bahnhof-Tempelhof (Südring) ist dabei mehr Ein- und Ausfallstraße mit ganz wenigen Ladenfronten.

Im Straßenabschnitt südlich der Stadtautobahn wird der Tempelhofer Damm zur Geschäftsstraße, die sich in mehrere unterscheidbare Abschnitte gliedert. Diese werden durch die U-Bahn-Stationen Alt-Tempelhof, Kaiserin-Augusta-Straße und Ullsteinstraße markiert. Auch die Querstraßen prägen dabei die Geschäftsstraße Tempelhofer Damm mit, je nachdem ob sich Wohnquartiere oder Gewerbequartiere und Grünflächen anschließen.
Insgesamt ist der Tempelhofer Damm eher Nahversorgungs-Standort, als überbezirklich profilierte Geschäftstraße. Zwischen den Kreuzungen Tempelhofer Damm / Alt-Tempelhof und Tempelhofer Damm / Ordensmeisterstraße liegt das Einkaufs- und Geschäftszentrum des Ortsteils, besonders hier ist die volkstümliche Bezeichnung „Te-Damm“ noch gebräuchlich.

Krise des Te-Damm mit langen Vorlauf
Die heutige Krise des Tempelhofer Damms hat einen langen Vorlauf. Hauptursache war eine eher ambitionslose Städtebau-Politik unter dem ehemaligen Bezirksbürgermeister Dieter Hapel (CDU, 1997 bis 2001). Erst Eckehard Band (SPD, 2001-2011) steuerte in der Mitte der Amtszeit um. Das Ergebnis: mit dem 18.000 Quadratmeter großen Einkaufszentrum Tempelhofer Hafen wurde im Frühjahr 2009 ein neuer großer städtebaulicher Impuls gesetzt, der die Attraktivität des Handelsstandortes „Te-Damm“ entscheidend verbessern sollte. Doch das neue Einkaufszentrum steht für sich, und ist nur wenig integriert.
Das T-Damm Center am Tempelhofer Damm 198 entstand 2015 und bildete mit 6.000 m² Handels-, rd. 1.200 m² Büro-/Praxisfläche sowie 80 Pkw-Stellplätzen einen konkurrierenden Standort zum Karstadt-Kaufhaus am Tempelhofer Damm 125.
Seitdem hat es nur den Ausbau des Lidl-Marktes am Tempelhofer Damm 130 und kleinere Ladenausbauten gegeben.

Shopping-Meile Tempelhofer Damm
Shopping-Meile Tempelhofer Damm: T-Damm-Center 200 – Foto: tsz

In der Handelsflächenentwicklung hat es es damit eine überproportionale Flächenausweitung gegeben, die über den Nahversorgungsbedarf hinaus geht. Dies hatte strukturelle Folgen, weil eine eigentragfähige Höherentwicklung nicht richtig in Gang kam. Leerstand war schon vor dem Corona-Lockdown zum Strukturmerkmal geworden, der vor allem unattraktive Ladenlokale betraf. In leere Läden rückten vor allem Imbiß-Lokale nach, heute mit einem Überangebot, das ebenfalls eine qualitative Höherentwicklung – wegen nicht ausreichender Umsatzerwartungen – weitgehend aussschließt.

Strukturwandel am Te-Damm
Mit dem Wandel der Internetnutzung hat sich auch allgemein der Filialisierungsgrad stark erhöht. Vom Apotheker bis zum Optiker sind heute Filialisten am Tempelhofer Damm aktiv. Das hat leider die fatale Folge, dass sich Marketingentscheidungen an die Schaltstellen der jeweiligen Firmenzentralen verlagern.
Kommunales Stadtmarketing und Geschäftsstraßen-Initiativen bleiben deshalb wegen zu hohen Kommunikationshürden einfach stecken. Immobilien- und Standortinitiativen werden selbst „unbeweglich“.

Die Unternehmer-Initiative Tempelhofer Damm e.V. konnte daher auch nicht die notwendige Kraft entfalten, um eine überbezirkliche Profilierung des Standortes „Te-Damm“ und ein effektives Stadtmarketing voran zu treiben.

Die großen Akteure Woolworth, Karstadt und das Einkaufscenter Tempelhofer Hafen, sowie alle Filialisten, haben vorzugsweise ihr „Brand-Marketing“ ausgebaut, und auf eine Google-Optimierung ihrer Marketing-Aktivitäten und Filialen gesetzt.

Damit wird aber nur das örtliche Kaufkraft-Potential ausgeschöpft. Lediglich das Einkaufscenter Tempelhofer Hafen hat Schwerpunkt-Werbung bis nach Lankwitz und Lichterfelde und Neukölln in Anzeigenblättern geschaltet – doch nur mit begrenzten Erfolg. Auch hier gibt es hinter bunten Folien schon lange Leerstandsflächen. Lidl und Robin Look setzen auf teure Papier-Werbung. Junge Käufergruppen in der U-Bahn bleiben weitgehend von Werbung unbehelligt.

Mehr Kunden und mehr Kaufinteresse können heute nur durch bezirksweites und überbezirklich wirksames Multi-Faktor-Marketing an den „Te-Damm“ gelockt werden. Hierfür fehlt aber die orchestrierende Initiative der Wirtschaftsförderung Tempelhof-Schöneberg, die sich zu sehr auf örtliche ehrenamtliche Netzwerke stützt. Die letze professionelle Initiative zum „Standortmarketing Quartier Tempelhofer Damm“ endete vor rund 10 Jahren.

Corona-Lockdown und die Folgen
Mit dem Corona-Lockdown gab es auch am Tempelhofer Damm einen großen Umsatzeinbruch. Die Schließung von Karstadt konnte nur durch einen berlinweiten Plan abgewendet werden, der noch weiter drei Jahre Bewährung für das Haus am Tempelhofer Damm einräumt. Die Signa Holding hatte „soziodemografische Gründe“ für die Schließungspläne angeführt, eine verklausulierte Formel für mangelnde Kaufkraft, eine überalterte Kundschaft und fehlende Dynamik des Handelsstandortes.

Auch die Unternehmerinitiative Te-Damm e.V. ist geschrumpft, und sogar in Gefahr einer Auflösung. Vorstandsmitglied Andrea Jensch gab im Sommer den seit 1910 bestehenden Familienbetrieb Jensch Sicherheitstechnik – Schlüsseldienst auf, obwohl Berlin einen Bauboom erlebt.
Die Buchhandlung Menger ist längst eine unselbstständige Filiale der Tegeler Bücherstube GmbH in Reinickendorf. Einige Einträge im Mitgliederverzeichnis sind nicht mehr aktiv, oder bereits ausgetreten bzw. nur im B2B-Geschäft, nicht jedoch im Handel tätig.
So fehlt derzeit die Kraft, für einen nachhaltigen Neuaufbau des Standortmarketings am Tempelhofer Damm. Vor allem ist der Online-Handel personell nicht vertreten, und es gibt auch keine Zwischen-Nutzungs-Aktivitäten und kein Gemeinschaftsmarketing, das sich direkt an die Kunden richtet. Amazon grüsst dagegen täglich seine Prime-Kunden mit neuen Angeboten, und siegt so im Online-Handel.

KARSTADT Berlin Tempelhof
KARSTADT Berlin Tempelhof an Tempelhofer Damm 191 am U-Bhf. Kaiserin-Augusta-Str. – Foto: tsz

Neue städtebauliche Initiativen und nachhaltige Mobilität
Das städtebauliche Vorhaben „Neue Mitte“ in Tempelhof wird einen neuen Akzent setzen, und zur nachhaltigen Neupositionierung des Tempelhofer Damms beitragen.
Heutiger Ladenleerstand hat sich nach der Veröffentlichung der Pläne praktisch über Nacht in spekulativen Leerstand verwandelt, bei dem auch lohnende Abriß- und Neubaupläne kalkuliert werden können.
Eine städtebauliche Höherstufung könnte auch manchen schlecht genutzten Grundstücken gut tun, und neue Wohn- und Nutzungsformen möglich machen.
Etwas mehr innovative und anspruchsvolle Architektur und inspirierende Architekturwettbewerbe wären auch für das Geschäftsklima gut, das immer auch von Zukunftsvisionen gespeist wird.
Städtebauliche Versäumnisse der siebziger und achtziger Jahre das vorigen Jahrhunderts können durch Stadtreparatur, Lückenschluß und Neubau überwunden werden.

Mit dem Projekt „Micro-Hub – Lieferung der letzten Meile am Te-Damm“ könnte die Verkehrsader Tempelhofer Damm bald vom „haltenden Lieferverkehr“ in der zweiten Reihe entlastet werden.
Doch die fehlende Umsetzung des Radverkehrsversuchs auf dem Tempelhofer Damm und fehlende Ladezonen bremsen wohl auch noch die Lastenrad-Liefer-Logistik aus. Bürgersteige sind ohnehin viel zu eng für vierrädrige Lastenrad-Kuriere.
Es droht Ungemach in der Geschäftsstraße Tempelhofer Damm.

Tempelhofer Damm zu lang für eine Neupositionierung?
In jedem Fall muss nun vordringlich um bessere Verkehrslösungen gerungen werden. Schon mit der Inbetriebnahme des Großflughafens BER in einem Monat wird sich das Verkehrsprofil des Tempelhofer Damms verändern. Immer wenn es auf der Stadtautobahn zu Tunnelsperrungen, Baustellen und Unfällen kommt, ist der Tempelhofer Damm eine Ausweichoption.

So wird es neue Konflikte und neue Handlungsnotwendigkeiten geben, die mehr Anstrengungen erfordern. Auch die Konkurrenz im Handel wird sich noch verstärken, denn die nachhaltige Lastenrad-Liefer-Logistik schafft auch neue Endkunden-Lieferkanäle für regionale Produkte, Bioprodukte und Konsumgüter, die in Brandenburg produziert werden.

Für die Wirtschaftsförderung entsteht so eine lange Liste von Aufgaben und Herausforderungen. Möglicherweise ist der Tempelhofer Damm auch mit 3,5 Kilometern zu lang für eine smarte Wirtschaftsförderung und ein effektives Stadtmarketing.

Der Ausweg: eine Umbenennung des Tempelhofer Damms zwischen „Platz der Luftbrücke“ und dem Stadtautobahnring könnte einen Ausweg bieten. Die Neupositionierung der Geschäftsstraße Tempelhofer Damm, südlich der Stadtautobahn, könnte besser gelingen. Desssen klassische und künftige Zentrenfunktionen sowie der Handelsstandort könnten danach gestärkt und besser profiliert werden!


Leseraktion:
Wie kann der Tempelhofer Damm belebt und qualitativ gestärkt werden?
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Wahlprüfsteine für die Parteien und Wählerinitiativen:
Was sind die smarten Ziele und Meilensteine der Parteien für den Te-Damm“ oder Tempelhofer Damm? Welche innovativen Ideen gibt es, die nicht auf Twitter und anderen sozialen Netzwerken „virtuell versenkt“ werden? Wer spricht direkt zur Stadtgesellschaft? Wer publiziert allgemeinöffentlich? Wer setzt ein Diskursthema?
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