Mittwoch, 17. Juli 2024
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Bezirksamt zaubert Kinder zurück in das fossile Zeitalter

Dampflok auf dem Spielplatz „Kufsteiner Straße/Am RIAS“

Von Michael Springer

Es ist einer der beliebtesten Spielplätze in Berlin. Unmittelbar an der Bezirksgrenze zwischen den Ortsteilen Wilmersdorf und Schöneberg gelegen. Der Spielplatz lockt Kinder und Familien aus dem Rudolf-Wilde-Park an, und aus dem Volkspark Wilmersdorf.

Derzeit sind weite Teile des Spielplatzes eine Baustelle, die mit Bauzäunen abgesperrt ist. Hier soll offenbar ein mustergültiger, attraktiver Spielplatz völlig neu erstehen. Der Kinderspielplatz „Kufsteiner Straße/Am RIAS“ im Volkspark Wilmersdorf wird schon seit Ende September 2023 grundhaft erneuert und mit vielen neuen Spielgeräten und Spielelementen ausgestattet:

„Betreten verboten! Wir zaubern für Euch!“ steht in großen Lettern auf einem Bauzaunplakat.
„Hier baut das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf — Fachbereich Grünflächen — mit viel Liebe und Phantasie einen Zauberspielplatz. Vielen Dank an das Kinder- und Jugendparlament, das uns bei der Planung so toll unterstützt hat. Wiedereröffnung im Frühjahr 2024.“

Verbaut werden rund 1,1 Millionen Euro aus dem Kita- und Spielplatz-Sanierungsprogramm (KSSP).

Die Spielraumgestalter der Firma Zimmer.Obst GmbH haben das Konzept mit viel Liebe zum Detail entworfen. Eine Zauberwelt zum Spielen und Toben soll entstehen, die offenbar unter dem Eindruck von Harry-Potter Filmen erdacht wurde. Eine Burg aus Holz mit vielen Türmen, Hängebrücken, Kletternetzen und einer Tunnel-Wendel-Rutsche soll „ kleine Magierinnen und Magier zum Staunen und Erobern einladen.“ Auf einer Wasserspielfläche können Sand gesiebt und Zaubertränke angerührt werden. Des Weiteren werden die Wege und Sandspielflächen überarbeitet.

Wir bauen einen Zauberspielplatz für Euch!

Sogar ein Gedicht prangt auf dem Internetportal des Bezirksamtes, das auch ein paar bildhafte Illustrationen der opulenten Märchenlandschaft zeigt.

Schlangenei und Krötendreck,
was hier mal war, das ist nun weg!
Doch Abrakadabra und Simsalabim,
das ist wirklich nur halb so schlimm!
Beim Zauberstab und Hexenhut,
wir bauen euch was, das wird richtig gut!
Wolfsgeheule, Eulenschrei,
kommt im Frühjahr hier vorbei!
Hex, Hex!

Der zuständige Bezirksstadtrat und Leiter der Abteilung Ordnung, Umwelt, Straßen und Grünflächen, Oliver Schruoffeneger (B90/Grüne), hat hier offenbar ein Herzensprojekt auf den Weg gebracht.

Kinderbeteiligung mit Rücksprung ins Fossil-Zeitalter

Was nicht in den gezeichneten Entwürfen zu sehen ist: eine rote Dampflok als Kletterspielgerät, die schon auf dem abgesperrten Spielplatz weithin sichtbar aufgebaut wurde.
Umweltpädagogisch werden spielende Kinder künftig wieder in zurückliegende Traumzeitalter und in das Kohlezeitalter entführt.
Magisches Denken wird gefördert, und eine archaische und unwirkliche Spielwelt entsteht. Der Wasserspielplatz soll eine „Zauberküche“ sein, und könnte aber wohl auch später als eine „Gift-Küche“ zweckentfremdet werden.
Allenfalls die opulente Verwendung des Baustoff Holz als CO2-Depot in der Spiellandschaft ist klimapolitisch erwähnenswert.
Der neue Spielplatz wird so wieder alte und vergangene Muster einer Gesellschaft des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts wiederbeleben. Von klimafreundlichen Innovationen, erneuerbaren Energien und zukunftsweisenden pädagogischen Ansätzen ist in der Spielplatzplanung offenbar noch nichts angekommen!
Und so entsteht hier im Frühjahr 2024 auch ein Denkmal aus der Zeit fallenden „grünen“ Kinderspielplatz-Politik, die nicht in der Lage ist, Zukunftsinnovationen und nachhaltige und neue interkulturelle Bildungskonzepte zu initiieren.