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Freiheitsglocke – im 71. Jahr ausgeklickt!

Berliner Freiheitsglocke rotgrün

Von Michael Springer

Am 24. Oktober 2020 wurde die Berliner Freiheitsglocke im Rathaus Schöneberg 70 Jahre alt. Ein Jahr später, zum 71. Jahrestag ist die Freiheitsglocke angeknackst! — Unbemerkt von den großen demokratischen Parteien ist ein Kipp-Punkt der Freiheit erreicht worden: die wirtschaftliche Basis für lokale Pressefreiheit ist in Berlin „digitalökonomisch“ zerstört.

Der mikroökonomische Pfad der „Clickonomics“ funktioniert nicht mehr auf Ebene der Lokalzeitung — die Digitalisierung der Pressefinanzierung über „Programmatic Advertising“ und „Performance Marketing“ lohnt nicht mehr.
Konkret: Systemkosten steigen auf dreistellige Beträge je Monat. Klickerträge entschwinden, weil Datenschutz und „Consent-Tools“ die einzig sicheren digitalen Einnahmen entschwinden lassen. Erst über 10 Mio. Einwohnern im Lesereinzugangsebiet kommen genügend tragfähige Einnahmen für ein qualitativ anspruchsvolles Lokalzeitungsangebot zusammen.
Gleichzeitig steigen berlinweit die Nachrichtendichte und journalistischer Recherche-Aufwand — doch gegenläufig sinken die Leserzahlen je Nachricht allgemein immer weiter ab. — Es ist in Berlin eine Entwicklung in Gang gekommen, die Zeitungsjournalismus auch in digitaler Form auf Sicht zu einem Verlustgeschäft macht.

Zusätzlich hat die Pandemie enorme wirtschaftliche Ausfälle im Mittelstand, in der Kultur- und Veranstaltungswirtschaft und im Tourismus verursacht. So fehlen nicht nur Anzeigenkunden, sondern ganze Themenblöcke, die Zeitungen interessant und lebendig machen.

Grundfesten der Pressefinanzierung sind erschüttert
Die EU-Politik selbst hat wie im er nicht systematisch agiert, und nur die Europäische Datenschutzgrundverordnung (EU-DSGVO) auf den Weg gebracht — Es wurde keine Vorsorge für die vorhersehbaren Folgen getroffen.
So trifft nun die „Cookiekalypse“ alle Zeitungs- und Pressemedien — auch die großen Presseverlage. Faktisch ist die wirtschaftliche Basis für freie Lokalpresse damit in Berlin und in der EU „verdampft.“ — Hinzu kommen technologische Veränderungen, die auch Google nicht im Griff hat: die neue Technologie „Federated Learning of Cohorts (kurz FLoC)“ funktioniert nicht, weil die Browser-Hersteller erfolgreich neue ePrivacy-Konzepte in ihre Produkte einbauen.

Die wichtigste Basis für „digitale Souveränität“ in allen Demokratien weltweit ist damit durch die Digitalökonomie der großen GAFA-Netzwerk-Plattformen Google, Apple, Facebook und Amazon auf der Ertragsseite und durch die sinnvolle EU-Datenschutzpolitik auf der Regulierungsseite betriebswirtschaftlich „zerquetscht“ worden!

Die Freiheitsglocke hat nun einen Sprung: ein gutes Stück Pressefreiheit entschwindet in Tempelhof-Schöneberg. Nur ein „zombifizierter fragmentarischer Lokaljournalismus“ kann noch ohne Investoren aufrecht erhalten werden.

Heribert Prantl sagte erinnerte dazu am 24. 10.2021: „Wenn die Presse und die Pressefreiheit nicht wären, gäbe es keine Freiheit und keine Demokratie. Man kann die Presse nicht hinwegdenken, ohne dass die Lebendigkeit des Gemeinwesens entfiele. Journalismus ist dafür da, den Menschen zum Gespräch zu verhelfen. Guter Journalismus regt an und regt auf, er fordert auf zu Zuspruch und zu Widerspruch. Er liefert die Fakten, er liefert Analysen, er liefert Bewertungen; man kann sich daran reiben, man kann sich auch davon überzeugen lassen. Er ist ein Lebenselixier einer freien Gesellschaft. Systemrelevanz sagt man heute dazu.“

Vor allem Bündnis 90/Grüne sind nun in der Pflicht, nach ihrem Einsatz für EU-DSGVO und ePrivacy und nach der Berliner Anerkennung der „Cities Coalition for Digital Rights“ für Journalismus und Pressefreiheit einzustehen, und Presseverlage und -medien nicht koppheister gehen zu lassen!

Einfach.SmartCity.Machen: Berlin!
Nie war freie Presse wirtschaftlich so systemrelevant wie heute! Der Übergang in eine klimaneutrale Kreislaufwirtschaft — mit vielen neuen regelbasierten und digitalen Wissensprozessen — kann nicht mehr allein von PR-Agenturen und Pressestellen gemeistert werden. — Der kreative Mittelstand ist auf eine funktionierende und konstruktive Presse angewiesen, um neue lokale und weltweite Märkte zu entwickeln und zu erobern.
Der enge Zusammenhang zwischen „Lokalzeitungssterben und Parteiensterben“ ist mit den letzten Wahlergebnissen inzwischen auch den letzten Parteifreund:innen in Berlin klar geworden.
Klar ist auch: der Journalismus muss selbst umfassend reformiert und erweitert werden — denn hinter Abo-Paywalls sind weder Freiheit, Gleichheit noch Chancengleichheit — noch Umweltrechtigkeiten gewahrt.

Auch Bürgermeister:innen und Wirtschaftsförder:innnen die sich bei Instagram, Facebook und YouTube hinter „kalifornischen Log-ins“ und Beratern vor der Mehrheit der Bürger:innen verschanzen, und nur minimale Leserzahlen generieren, gefährden ihre Ämter und Aufgaben, „in Übereinstimmung mit den Gesetzen zum Wohle der Allgemeinheit zu arbeiten, wie es der Amtseid anfordert.“

Nichts geht richtig ohne freie und unabhängige Lokalmedien: Inklusion, faire, soziale und interkulturelle Digitalökonomien hängen heute mehr denn je von Pressefreiheit, Aktualität und sehr hohen barrierefreien Lesereichweiten ab.
Die Tempelhof-Schöneberg Zeitung hat dazu ein ausbaufähiges Konzept aufgelegt, und wird weiter vorsichtig wachsen und skalieren.

Ob die lokal in Berlin vertretenen demokratischen Parteien das Konzept mit tragen und ihre eigene finanzielle, aufwandsbezogene Verantwortung mit übernehmen, wird sich allerdings noch in diesem Jahr entscheiden!

Man darf gespannt sein, ob sie den Gong der Freiheitsglocke und die Zeichen der Zeit verstanden haben!

Denn nach dem 31.12.2021 bestimmen auch internationale Akteure und internationale Standards die Entwicklung mit.